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ARTE

24.03.2003, Restaurant Salamat, Berlin, Raumerstraße 21:45

Der Befreier als Koch




Video: Paprika, Karotten, Zucchini


Jiyar Mhamad
Ich bin nicht als Gast gekommen, sondern als Interviewer. Eine Bekannte hatte mir von den beiden erzählt, Jiyar, der Kurde, und Rezar, der Iraner. Ich will die beiden eigentlich siezen, aber sie duzen mich so konsequent, dass ich keine andere Möglichkeit sehe, sie ebenfalls zu duzen.





"Jiyar. Entschuldige, aber das klingt fast wie Jihad."

"Nein" (Jiyar lacht) "Es heißt: klug."

"Meine Bekannte erzählte mir, Du kommst aus dem Irak."

"Ja. Ich bin Kurde."

"Hast Du noch Verwandte in Irak?"

"Ja, meine Mutter, meine Schwestern."

"Wie geht es Ihnen?"

"Gut, ich habe vorgestern mit ihnen telefoniert, Bomben gab es nur 70 Kilometer entfernt."

"Wieso bist Du in Berlin?"

"Meine beiden Brüder sind tot, einer ist verunglückt, einer ist gefallen, er hat mit mir gekämpft, gegen Saddam. Es war ein schrecklich trauriger Tag. Das war 1991, während des Golfkrieges, wir dachten, wir könnten Saddam stürzen. Aber dann haben uns die Amerikaner im Stich gelassen. Danach musste ich fliehen. Weg aus dem Irak."

"Wie sah sie aus, Deine Flucht?"

"Moment mal."

Ein Kunde hat das Tagesgericht bestellt, Jiyar muss kurz hinter die Theke, um das Gericht zuzubereiten, frisch, auch wenn es die einzige Bestellung am Abend bleibt. Im Irak hatte Jiyar nie gekocht, wird er später erzählen, dass das, was er kocht, seiner Phantasie entspringt, seiner Vorstellung von irakischer Küche, ein bisschen so, wie die Einrichtung auch eher der deutschen Vorstellung von Arabien entspricht, hier nahe dem Helmholtzplatz, wo immergleiche Restaurants mit ähnlicher Karte, kaum ein Gericht über fünf Euro, eröffnen. Mit seiner Mutter, spricht Jiyar nie über die Küche, wenn er die britische Vorwahl wählt, um billiger in den Irak zu telefonieren. Dann sprechen sie über Politik und die Familie, in dieser Reihenfolge sagt er das, nie über das Kochen. Vielleicht ist es dem Mann, der einst sein Volk mit Waffen befreien wollte, ein wenig unangenehm, dass er jetzt kocht.

"Deine Flucht."

"Ja, ich war nicht alleine, ich bin zu Fuß los mit einer Gruppe, meiner Familie hatte ich nichts gesagt, über die Berge in die Türkei, von dort nach Deutschland, wo ich eigentlich studieren wollten. Dazu kam es aber nie. Ich hatte bald Frau und Kinder, da musste ich Geld verdienen."

"Bist Du jetzt froh, dass Saddam bald am Ende ist?"

"Ich bin gegen diesen Krieg! Absolut! Unter diesen Umständen kann ich mich nicht freuen auf Saddams Ende. Ich hasse ihn und ich weiß: Achtzig Prozent aller Iraker freuen sich, dass die Briten und Amerikaner jetzt da sind. Aber ich denke anders."

"Warum?"

"Weil ich anders als sie hier fernsehen kann und lesen, was ich will. Ich weiß, dass es ihnen nur um Macht geht. Nur um Macht. Ich habe es ja selbst am eigenen Körper erfahren. Wenn sie uns hätten befreien wollen: Warum haben sie Saddam dann nicht schon vor 12 Jahren entmachtet."

"Hier ins Lokal kommen auch viele Touristen, nehme ich an."

"Ja, wieso?"

"Wenn da jetzt ein Amerikaner kommt…"

"…dann koche ich für ihn. Selbstverständlich."

Der Iraker, der Koch, und sein Freund, der Iraner, reden noch lange an diesem Abend über den Krieg, über Frauen und über Geschäfte.