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ARTE

24.03.2003, "LCI", 54, avenue de la voie lactée, 92656 Boulogne, 18h30

Das Fernsehen zieht in den Krieg




Video: Die Phosphor-Regie


Die Regie des französischen Nachrichtenkanals "LCI".
Der Informationskanal LCI sendet rund um die Uhr und führt im harten Wettbewerberumfeld der aktuellen Kriegsnews seinen eigenen Kampf. Um die ständige Bilderflut zu nähren, wurden fast alle verfügbaren Journalisten eingezogen; sie schwirren in hektischer Betriebsamkeit umher.

Die Praktikantin Emilie, die damit beauftragt wurde, mich während meines Redaktionsbesuchs unter ihre Fittiche zu nehmen, führt mich durch das labyrinthartige, post-moderne Gebäude, in dem LCI zusammen mit seiner großen Schwester TF1 residiert. Sie ist hilfsbereit, freundlich und gut gebrieft.

Mit Begeisterung erläutert sie mir ausführlich „das Aufgebot an Menschen und Material“ des Senders während des Irakkriegs - es ist übrigens unglaublich, in welchem Maße sich die Mediensprache an der militärischen Ausdrucksweise orientiert. LCI liefert 55 Kurznachrichtensendungen pro Tag und pro drei-Stunden-Einheit; das „Aufgebot“ umfasst ein ständiges Team von 80 Mitarbeitern, das in den Redaktionen die Stellung hält, sowie das Studio mit den Moderatoren und schließlich den „Phosphor-Raum“, d.h. die Regie. Dort befinden sich eine Unmenge von Bildschirmen und ein riesiges Kontrollpult. Es ist eine der modernsten Bildregien des französischen Fernsehens.

„Ich brauche sofort Bilder der amerikanischen Flagge, dringend!“, ruft der Aufnahmeleiter. Er ist so nervös, dass er gar nicht mehr weiß, woran er eigentlich kauen soll, an seinen Nägeln oder seinem Kuli. „Jetzt aber eine Zigarette“, seufzt er, als ginge es um Leben und Tod. Man kann sich selbst die Hektik schaffen, die man benötigt. Auf dem Bildschirm hat Tony Blair gerade sein tägliches Propaganda-Briefing im Unterhaus beendet; im Hintergrund sieht man Jack Straw nachdrücklich nicken. Die Teilnehmer einer Live-Gesprächsrunde sprechen über irakische Musik, während auf den Regie-Bildschirmen der Panzer-Aufmarsch zu sehen ist. Solch eine surreale Verkürzung schafft auch nur das Fernsehen. „Was ist nach der Befreiung Iraks zu tun, damit das Kunstschaffen wieder beginnen kann?“ möchte der Moderator von seinen Gästen wissen. Er sagt wirklich „Befreiung“. Ich kann es nicht glauben.

„Gut, der Begriff ist vielleicht etwas unglücklich gewählt“, räumt kurze Zeit später Jean-Marie Bayle, der stellvertretende LCI-Direktor, ein. Monsieur Bayle befindet sich unter Hochspannung, er reibt sich ständig die Hände und bewegt nervös die Füße, wahrscheinlich auf der Suche nach Inspiration.

Er behält die vier Bildschirme in seinem Büro die ganze Zeit im Auge, während er sehr freundlich meine Fragen über die redaktionelle Linie des Senders, die Bildbearbeitung usw. beantwortet und gibt zu, dass es „im Eifer des Gefechts durchaus zu Fehlern kommen kann“. Aha, die Hektik ist also an allem schuld. Wie steht es mit der Kritik an der Berichterstattung über den Golfkrieg 1991? „Da waren die Amerikaner mit ihren Nintendo-Bildern schuld, vor allem CNN“. Keine Spur von Selbstkritik angesichts der spektakulären Inszenierung des Krieges. Doch kann man ihm einen Vorwurf darauf machen? Er lebt ja davon, wahrscheinlich gar nicht so schlecht, und der Krieg erscheint von hier aus gesehen sehr weit weg.

Ich verlasse die Redaktion mit gemischten Gefühlen. Man hat mich freundlich aufgenommen, vielen Dank, aber der Bilderkult und die Verzerrung der Realität durch eben diese Bilder stößt mich mehr denn je ab.