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ARTE

26.03.2003, Rudolfplatz, Berlin-Friedrichshain, 18:10

Sechzig Kreuze




Video: Real-Video: Im Aterlier


Im Atelier.
Wenn man am Rudolfplatz vorbei fährt mit dem Fahrrad, dann fallen einem ein paar Kreuze auf, Kreuze, mitten auf dem Platz, aus Holz, ganz weiß sind die Kreuze.

Sie wurden schnell mehr, die Kreuze, jeden Tag. Zehn, zwanzig, dreißig. Gestern habe ich fünfzig gezählt und heute sechzig. Irgendwie sind mir die Kreuze unheimlich. Vermehren sich so schnell. Eigentlich sollten sich jetzt lieber Krokusse vermehren.

Frage ich auf dem Platz rum, die Leute wissen, wo die Urheberin der Kreuze wohnt. Gleich um die Ecke. Ich klingele. Franziska Uhl streicht gerade die Kreuze für morgen, jeden Tag des Krieges zehn Kreuze. Tageslichtleuchtröhren. Das Atelier ist Teil ihrer Wohnung.

Dort erzählt Franziska Uhl:

"Ich habe so etwas schon einmal gemacht, beim letzten Golfkrieg. Damals hatte ich noch in Erlangen gewohnt. Ich hatte damals echte Probleme, die Idee zu genehmigen. Die Leute waren damals vor allem anfangs sehr skeptisch, als ich es endlich durchgesetzt hatte. Gegen Ende der Aktion haben sie Blumen an die Kreuze gelegt und Namen auf die Balken geschrieben.

Ich mache das, weil ich an die Menschen erinnern will, die täglich sterben, und die niemand nennt, ich mache es auch für mich, weil ich schlicht etwas tun will. Ein Zeichen setzen. Ich bin Künstlerin, aber für mich ist diese Arbeit keine Kunst, ich will damit nur den Toten gedenken. Auf meinen Bildern sieht man oft Menschen in der Position des Gekreuzigten, nicht etwa aus Religiösität mache ich das, sondern weil ich diese Geste, des Sich-Öffnens mag. Wer öffnet sich den heute noch gerne.

An meinen Bildern arbeite ich weiter, die Kreuze streiche ich nebenbei oder, wenn ich keine Zeit finde, eben nachts. Ein Kreuz kostet etwa ein Euro, die Aktion ist also nicht ganz billig und so bin ich froh, dass ich Spender gefunden habe. Der Vater eines Mitschüler meines Sohnes hat mir heute Nachmittag auf dem Platz einfach so etwas Geld in die Hand gedrückt. Das gefällt mir auch an der Idee: Die Menschen aus dem Kiez treffen sich so auf dem Platz. Bleiben stehen, reden miteinander. Ich will die Aktion noch weiter machen, ich habe von der Bürgermeisterin des Bezirks die Erlaubnis, die ganze Wiese zu nutzen. Ich habe ausgerechnet, dort müssten rund 400 Kreuze Platz finden. Ich hoffe, ich brauche den Platz nicht ganz."

Nachher gehen wir noch zum Platz. Es dämmert. Jungs spielen Basketball unweit der Kreuze, ein paar Alkis trinken Bier, glotzen auf die Kreuze, Franziska Uhl trifft ihren Sohn bei den Kreuzen. Ein Mann kommt, fünfzig vielleicht, sechzig. "Sie machen das?", fragt er Franziska Uhl. Ohne ihre Antwort abzuwarten erzählt er von dem Krieg, den er erlebt hat, von abgeschnittenen Köpfen, grausige Geschichten sind das, das man sich denkt: Sollten vielleicht nicht gerade die Kinder hören. Der Mann erzählt und erzählt, von früher, vom Kiez, warum der Kiez nicht Kiez heißen dürfte, eigentlich. Dann fährt er mit seinem Fahrrad davon.

"Haben Sie ihn schon vorher gekannt?"

"Nein", sagt Frau Uhl.