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ARTE

26.03.2003, Méli-mélo, 27 avenue du 8 mai 1945, 95200 Sarcelles, 18:30

''Das ist doch sonnenklar''




Video: Adel, der Chef des Méli-mélo


Adel, der Chef des Méli-mélo.
Sarcelles liegt ein paar Kilometer nördlich von Paris. Die Wohnblöcke sind herunterkommen, es wimmelt nur so von Satellitenschüsseln. Die Bewohner kommen aus aller Herren Länder. Die vielen sozialen Probleme sind in erster Linie eine Folge der hohen Arbeitslosigkeit. Hier leben viele der Iraker, die im Großraum Paris eine neue Heimat gefunden haben.

Adel ist vor 11 Jahren aus dem Irak nach Paris gekommen, "aus persönlichen Gründen", wie er düster sagt. Viel beredter, doch nicht minder kategorisch, werden seine Worte, als ich ihn auf die Situation im Irak anspreche:

- „Haben Sie dort Familie?“

- „Ja, meine Schwester lebt in Bagdad, und auch die gesamte Familie meiner Frau.“

- „Wie geht es ihnen dort?“

- „Ich rufe jeden Tag an. Bisher geht es ihnen gut. Meine Schwester hat Zuflucht in einer Kirche in einer Vorstadt von Bagdad gefunden.“

(Der Blick, den er auf den Fernseher wirft, ist unbeschreiblich müde. Auf Al-Dschasira laufen ohne Unterbrechung Bilder, die man als schonungslos beschreiben kann.)

- „Wissen Sie, sie sind Krieg gewohnt, doch diesmal haben sie genug, es wird wirklich zu heftig bombardiert. Dies ist der letzte Krieg, es wird keinen weiteren geben, aber es ist kein Krieg gegen das Regime, sondern gegen das irakische Volk.“

- „Warum glauben Sie das?“

- „Die Amerikaner behaupten, dass sie den Irak befreien möchten, doch in Wirklichkeit wollen sie doch nur die Golfregion besetzen, um ans Öl heranzukommen. Das ist doch sonnenklar! Warum führen denn die Amerikaner Krieg und nicht Frankreich, China oder andere Mächte? Sie sagen, Saddam Hussein sei ein Diktator, doch jetzt sind sie doch die Diktatoren, mit dem einzigen Unterschied, dass es sich um eine modernere Diktatur handelt.“

- „Ja, aber George Bush ist doch im Gegensatz zu Saddam Hussein gewählt worden.“

- „Er ist gewählt worden, aber wie? Wissen Sie, die Sache mit den Wahlurnen...Ich habe irakische Freunde in den USA. Die haben mir gesagt, dass das Kapital, die großen Ölgesellschaften Bush mit viel Geld unterstützt haben. Außerdem hätten die Amerikaner Saddam 1991 vertreiben können. Warum haben sie es nicht getan? Immer muss das Volk dafür büßen, und das geht schon lange so. Auf jeden Fall war das so geplant. 1991 war ich in Bagdad. Im Fernsehen sagte Herr Präsident Saddam Hussein (sic), dass der Krieg nicht zu Ende sei, der Krieg mit den Amerikanern.“

(Er hält inne und wartet, bis ich mit meinen Notizen fertig bin, dann greift er das Thema wieder auf, fast schon als Endlosschleife.)

- „Bush und Saddam, die sind doch beide Diktatoren, mit einigen kleinen Unterschieden. Doch wissen Sie, es gibt kein einziges arabisches oder muslimisches Land, wo der Staatschef nicht mit Gewalt an die Macht gekommen wäre. Die Demokratie, wie wir sie in Europa kennen, die kommt nicht einfach so, das geht nicht von heute auf morgen. Sie werden Saddam stürzen und wie geht es dann weiter? Wer wird die Macht ergreifen? Die Amerikaner oder die irakische Opposition? Beide sind unfähig, ein Land mit 25 Millionen Einwohnern zu regieren, vor allem wenn die Iraker die Präsenz der Amerikaner ablehnen. Das ist doch verrückt! Sehen Sie mal, im Augenblick schaffen sie es nicht, Oum Qasr einzunehmen. Ich kenne Oum Qasr, das ist nur halb so groß wie Sarcelles. Wie soll das dann erst in Bagdad werden?“

(In der Zwischenzeit haben sich noch weitere Iraker zu uns gesellt und kommentieren die Fernsehbilder und die Karten mit den Truppenbewegungen auf Arabisch. Sie sprechen über Zahlen. Adel erklärt mir, dass die Republikanische Garde einen Ring um Bagdad bebildet hat. Sie scheinen alle hin- und hergerissen zu sein, einerseits zwischen Traurigkeit und Angst und andererseits einem Gefühl, das an Stolz erinnert, Stolz auf den Widerstand der irakischen Truppen.

- „Wenn sich die Lage dort verbessert, werden Sie dann zurückgehen?“

- „Wissen Sie, meine Kinder sind in Frankreich geboren, sie sind es, die das entscheiden müssen. Für seine Kinder muss man alles opfern. Hier ist das Leben ganz anders, hier haben wir ein ganz anderes System, es ist ein ruhiges Land. Wir haben uns daran gewöhnt, hier zu leben. Und Frankreich zückt nicht einfach so seinen Colt, wie diese Cowboys.“

Er beginnt mit einer Schimpftirade gegen Bush und erklärt mir abschließend, er habe nichts gegen das amerikanische Volk:

"Ich bin kein Rassist, ich respektiere alle Menschen, so wie ich es von meiner Tradition her kenne. Meine Bedienung ist Jüdin." Auf dem Bildschirm erscheinen Bilder von zivilen Opfern. Im Radio erklingen die letzten Takte eines bekannten Liedes von Charles Aznavour, dessen Text ich nie richtig verstanden habe: "Ich habe das Gefühl, dass das Elend weniger schlimm ist, wenn die Sonne scheint.". Der März war hier schon lange nicht mehr so warm.